deutsch-französisch-schweizerischer Fonds für zeitgenössische Musik

22.08.2014

Hören wir mit anderen Ohren?

Mit einer fünfteiligen Gesprächsreihe, die am 4. September im Institut Francais beginnt, widmet sich Impuls Neue Musik der Frage:

Hören wir mit anderen Ohren?
Eine Entdeckungsreise in die deutsch-französische Musik

Im letzten Jahr wurde diesseits und jenseits des Rheins 50 Jahre Elysée-Vertrag und damit 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft gefeiert. Doch wie ist es um diese Freundschaft in der Musik bestellt ist? Gibt es ein beiderseitiges Verständnis? Hat man sich wirklich etwas zu sagen? Oder gibt es vielmehr nationale Unterschiede in der Musik? Merkwürdigerweise wird oft noch mit alten Klischees argumentiert. Musik aus Deutschland gilt als schwer und verkopft, an französischen Werken wird hier¬zulande das gut Gemachte gelobt, die écriture, das perfekte Handwerk, aber die Werke scheinen in deutschen Ohren oftmals leer zu klingen. Werden sie einfach nicht verstanden? Kann ihr Code nicht dechiffriert werden?

Woher dies alles kommt, soll in einer neuen Gesprächsreihe im Institut Français Berlin hinterfragt werden. Komponisten und Musikwissenschaftler, Programm-macher und Musikexperten werden sich über die beliebtesten Klischees, die fruchtbarsten Missverständnisse und die wichtigsten Gemeinsamkeiten unterhalten. Was war an dem Unterschied zwischen einem Cembalo und einem Clavichord so wichtig und welche Folgen hat das bis heute? Wie viel Französisches steckt in Wagner und wem gehört die elektroakustische Musik?

Die sogenannte Neue Musik ist im Wesentlichen ein Genre, das in Frankreich und Deutschland seine Wurzeln hat bzw. sich im Spannungsfeld deutsch-französischer Bezüge entwickelte. Die Gesprächsreihe wird die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Gegensätze dieser deutsch-französischen Musikgeschichte skizzieren. Es sollen aber auch Unterschiede der Ausbildung, des Musikbetriebes, der Ästhetiken aufgezeigt werden, die eine Übersetzungsarbeit unterschiedlicher Codes von dem einen in das andere Land notwendig erscheinen lässt.

Die Abende werden von dem Filmregisseur und Autor Uli Aumüller (inpetto filmproduktion) moderiert, der soeben ein Filmportrait von Mark Andre fertiggestellt hat. Musik- und Filmbeispiele werden den Abend mit gestalten, am 21. Januar spielt das Ensemble KNM Berlin.

1. Teil am 4. September um 19 Uhr

1750 bis 1828: Die Geburtsstunde bürgerlicher Kunstmusik

Die höfische Musikkultur mit ihrem Zeremoniell, ihren Riten und Affektenlehren wird abgelöst durch eine Musik, die „tiefe Empfindungen“ und „echte Gefühle“ zeigt. Der Slogan heißt: Zurück zur Natur. Der neue Ort für diese neue Musik ist nicht mehr der Hof oder das Hoftheater, sondern der bürgerliche Konzertsaal, in dem sich neue Verhaltensweisen etablieren. Während in Deutschland dieser Wandel in Kooperation mit den adligen Führungseliten stattfindet und zu einer flächendeckenden Verbürgerlichung der Hofkultur führt, bringt in Frankreich der radikale Schnitt der Revolution eine vollständige Neustrukturierung der Musikkultur unter frühkapitalistischen Bedingungen mit sich.
Der Komponist Brice Pauset zeigt dazu am Cembalo die Unterschiede zwischen französischer und deutscher Musik.

Moderation: Uli Aumüller
Gesprächspartner: Brice Pauset, Hochschule für Musik Freiburg, Iris ter Schiphorst, Universität der Künste Berlin; Prof. Herbert Schneider, Mainz – Biografien und Fotos siehe bitte im mitgeschickten Anhang

Konzept: Uli & Sophie Aumüller
Dauer: jeweils ca. 90 Minuten
Die Veranstaltung findet auf Deutsch statt, Konsekutivübersetzung ins Französische.

Institut Français Berlin
Kurfürstendamm 211
10719 Berlin

Eintritt: 6 € /erm. 4 €
Abendkasse und Bar: ab 18.30 Uhr

Information und Kartenreservierung:
Tel. 030 – 885 902 45 oder reservations@impulsneuemusik.com
www.impulsneuemusik.com

Eine Reihe von Impuls neue Musik in Kooperation mit Institut Français und Ensemble KNM Berlin.
Mit Dank an die Medienpartner RBB Kulturradio und taz.

Hören wir mit anderen Ohren?
Eine Entdeckungsreise in die deutsch-französische Musik

2. Teil: 10. Oktober, 19 Uhr
1789 – 1914: Konzertsaal und nationale Identität
Auf einem geopolitischen Fleckenteppich entstehen in Deutschland, das nur über wenige überregionale Zentren von Bedeutung verfügt, eine Fülle regionaler kultureller Aktivitäten mit Theatern, Opernbühnen und Konzertpodien, die Grundlage für die größte Theater- und Orchesterdichte bis zum heutigen Tage weltweit. Diesen Musikmarkt beliefern Komponisten, deren Bedeutsamsten im Laufe des Jahrhunderts kanonisiert werden – auch als Ikonen nationaler Identität. In Frankreich konzentriert sich das Musikleben auf die Kapitale Paris, neben London die größte Metropole Europas, deren schiere Dimension Maßstäbe setzt. Dieser einzigartige großstädtische Musikbetrieb definiert im Vergleich zu Deutschland vollkommen andere Produktionsbedingungen und Bedürfnisse.

Moderation: Uli Aumüller
Gesprächspartner: Ulrich Mosch, Université de Genève, Mathieu Schneider, Université de Strasbourg

3. Teil: 4. November, 19 Uhr
1977 – 2013: Elektroakustische Musik diesseits und jenseits des Rheins
Quo vadis „Neue Musik“? Wenn man sich die Selbstdarstellungen der großen Studios und Forschungseinrichtungen für Neue Musik und Elektroakustik diesseits und jenseits des Rheins durchliest, fühlt man sich an den Anfang des 19ten Jahrhundert zurückversetzt, als E.T.A. Hoffman über den Wunderraum der Klänge (bei Beethoven insbesondere) fabulierte und sich in ein akustisches Zauberreich entführt wähnte, das er auch mit religiösen, transzendentalen Qualitäten ausstattete. Inwieweit unterscheiden sich die zeitgenössischen Programme von den 200 Jahre alten romantischen Klangvorstellungen? Und ist wirklich noch Spielraum für neue Klänge oder gar Klangwelten, besteht die Notwendigkeit für ein neues Hören? Und überhaupt: Haben Franzosen und Deutsche andere Ohren? Denn der Einsatz von zeitgemäßer Elektronik für das Komponieren erfährt in beiden Ländern eine geradezu komplementäre Förderung.

Moderation: Uli Aumüller
Gesprächspartner: Detlef Heusinger, Experimentalstudio des SWR, Christian Zanési, Ina GRM

4. Teil: 4. Dezember, 19 Uhr
1948-2013: Musique concrète auf Deutsch
Bereits 1943 begann Pierre Schaeffer mit ersten Experimenten, auf der Basis von Originaltonaufnahmen Musik zu gestalten. Die von ihm so genannte musique concrète bildete in Frankreich mehrere Schulen aus, und noch heute kommt ein Komponist von Rang und Namen in seiner Vita ohne ein Jahr der Forschung oder Ausbildung im GRM oder IRCAM nicht aus. Michel Chion hat deren Geschichte von Anfang an als Theoretiker begleitet. In Deutschland hingegen hat diese Musik längst nicht diesen Umfang an Förderung erfahren – abgesehen von ihrer Resonanz in der Clubkultur. Helmut Lachenmann wurde berühmt, als er die Denkweisen der musique concrète auf Spieltechniken für traditionelle Musikinstrumente übertrug. Aber beruht sein Bezug auf die musique concrète nicht möglicher Weise auf einem Missverständnis? Ein produktives Missverständnis, das viele Nachahmer und Schulen gefunden hat. Darüber wird Harry Vogt, der Redakteur für Neue Musik und Festivalleiter der Wittener Tage für Neue Kammermusik aus erster Hand erzählen können. Und in dem in Berlin lebenden Komponisten Mark Andre werden aktuell beide Entwicklungen, die deutsche und die französische, vereinigt: Elektroakustik und musique concrète instrumentale.

Moderation: Uli Aumüller
Gesprächspartner: Harry Vogt, WDR, Mark Andre, Hochschule für Musik Dresden. Michel Chion, Wissenschaftskolleg

5. Teil: 21. Januar, 19 Uhr
2013 – 2050: Neue Debatten, alte Klischees
In Deutschland werden Töne laut, dass sich alles ändern müsse und sich so und so schon alles geändert hat, durch das Internet, durch veränderte Hörgewohnheiten. Die neue Musik, wie es sie einmal gab, habe abgewirtschaftet. Diskutiert werden Begriffe wie „Gehaltsästhetische Wende“, „Diesseitigkeit“, „Neuer Konzeptualis-mus“… – die Generation jüngerer Komponisten will eine neue Epoche einläuten, die Epoche nach der neuen Musik. Und in Frankreich bereitet man sich auf den Tod des alten Königs vor und es beginnt das Tauziehen, wer der neue wird, nach Boulez. Natürlich soll erst einmal alles über den Haufen geworfen werden, wofür bisher der Name Boulez steht, ein Anti-Boulezimus. Es soll also wieder tonal komponiert werden, mit sangbaren Melodien und für (und nicht gegen) das Publikum. Doch warum haben es die jungen Komponisten im jeweils anderen Land besonders schwer, aufgeführt, geschweige akzeptiert zu werden? Inwieweit ähneln sich die gegenwärtigen Diskussionen – worin unterscheiden sie sich? Wir führen dieses Gespräch mit zwei Komponisten und Kompositionslehrern aus beiden Ländern – und dem ausgewiesenen Spezialisten der Musikgeschichte und der Geschichte des Hörens in beiden Ländern Martin Kaltenecker.

Moderation: Uli Aumüller
Gesprächspartner: Manos Tsangaris, Hochschule für Musik Dresden/Münchener Biennale, Gérard Pesson, CNSMDP,  Martin Kaltenecker, Université Paris VII
Es spielt das Ensemble KNM Berlin.